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18. Gemeinwesen - Sozialplanung

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Dr. Albrecht Göschel, Forum Gemeinschaftliches Wohnen e.V.

Wohnen beschränkt sich nicht auf die Wohnung, sondern bezieht das Wohnumfeld, die Nachbarschaft, das Quartier, den Stadtteil und auch Stadt und Region ein, wie es im Begriff des Wohnortes deutlich wird, der eben dies, den Ort des Wohnens in einer Stadt oder auch die Stadt insgesamt bezeichnet. Mit diesem Umfeld der Wohnung als Ort, Basis und Ressource des Wohnens, in sozialplanerischem Kontext auch als Gemeinwesen bezeichnet, befasst sich das folgende Kapitel.
 
Die Anforderungen an ein solches räumliches Umfeld, die gemeinschaftliche Wohnformen vor allem von Älteren stellen, unterscheiden sich allerdings in keiner Weise von denen aller Einwohner, vor allem aller Älteren. Besondere Ausführungen zur Bedeutung des Wohnumfeldes, des Gemeinwesens für gemeinschaftliche Wohnformen können daher in diesem Kapitel unterbleiben. Das Kapitel reflektiert damit die Bedeutung des Wohnumfeldes oder Gemeinwesens für das Wohnen insgesamt. Gleiches gilt für Sozialplanung im Gemeinwesen, für Gemeinwesenarbeit und dies sogar auf der Ebene des Wohnhauses. Gemeinschaftliches Wohnen realisiert auch auf dieser Ebene nichts anderes als - gute, funktionierende - Hausgemeinschaften auch erreichen sollten und könnten, ohne jede Formalisierung, die eine Hausgemeinschaft zum Gemeinschaftswohnen erhebt. Im gemeinschaftlichen Wohnen werden die Beziehungen, Hilfen, die Funktionen der informellen Hausgemeinschaft nur programmatisch betont und verfolgt, während sie in völlig informellen Hausgemeinschaften moderner Prägung eher auf ein Minimum geschrumpft sind. Sie können aber rekonstruiert und wieder belebt werden, ohne dass eine Hausgemeinschaft sich deswegen programmatisch zum „gemeinschaftlichen Wohnens" bekennt. Zwischen „normaler" Hausgemeinschaft, „normaler" Quartiersverflechtung oder „normaler" Stadtteilbindung einerseits und gemeinschaftlichen Wohnformen, seien sie auf ein Mehrfamilienhaus, auf mehrere Gebäude oder ein Quartier bezogen, bestehen also keine anderen Unterschiede als die einer gewissen Verabredung, einer größeren Verlässlichkeit und Verbindlichkeit und eventuell eines größerem Umfangs der gemeinschaftlichen Aktivitäten beim gemeinschaftlichen Wohnen.
 
In einigen historischen Formen von Quartier und Stadtteil, z.B. im traditionellen Arbeiterquartier, in der Arbeitersiedlung hat es die Gemeinschaftsformen der gegenseitigen Hilfen immer gegeben (Freudenthal 1978; Fried 1973; Günter 1980; Jackson 1972; Mooser 1984; Niethammer 1976; Roberts 1973; Schneider 1988; Young / Willmott 1972). Sie basierten allerdings auf Notlagen und wurden daher im Zuge von Modernisierung und steigendem Wohlstand, vor allem durch Ausbaus des Sozialstaates aufgelöst (Mooser 1983; Tenfelde 1988), da ihre Schattenseiten, z.B. massive soziale Kontrollen, die unauflöslich an wechselseitige Hilfen gebunden waren, die Gewinne aus solchen Kooperationen zu übertreffen schienen. Als Neues und in diesem Sinne Eigenartiges des gemeinschaftlichen Wohnens erscheint aus dieser Sicht also nur der Versuch, Hilfen und Kooperationen zwischen „Nachbarn" möglich zu machen, ohne sie an unerwünschte Kotrollen zu binden. Aber dieses Kontrollproblem kann nicht durch das Gemeinwesen oder eine gemeinwesenorientierte Sozialplanung, sondern nur durch die Verabredungen innerhalb einer Hausgemeinschaft des gemeinschaftlichen Wohnens gelöst werden, wird also in diesem Kapitel nicht behandelt. Allerdings setzt sich auch zunehmend die Einsicht durch,
 
dass die professionalisierten und institutionalisierten Hilfssysteme, wie sie Sozialstaat und Markt entwickeln, durch ihre Versachlichung und Formalisierung gravierende Defizite an Empathie aufweisen, die ihre Funktionsfähigkeit mindert, während das gemeinschaftliche Wohnen gerade diese Seite wechselseitiger Hilfe, ihre emotionale Aufladung zu rekonstruieren sucht. Überzeugende sozialplanerische Wege, eine solche Zuwendung als Basis von Hilfen zu entwickeln, bestehen bisher nicht. Sie müssen von den Akteuren und Akteurinnen, die Projekte des gemeinschaftlichen Wohnens entwickeln, selber eingebracht werden. Sozialplanung kann äußersten Falls Rahmenbedingungen für die Entwicklung solcher Projekte schaffen oder verbessern.

18.1. Die emotionale Bedeutung des Wohnumfeldes

 
Von ihrem Beginn an verweist Stadtsoziologie auf die eminente emotionale Bedeutung des Wohnumfeldes, auf die engen Bindungen auch des modernen Stadtbewohners und der Bewohnerinnen an ein nahräumliches Umfeld (Berndt / Lorenzer / Horn 1968; Gans 1982; Greverus 1972; Grünberg 2003; Ipsen 1997; Ipsen 1989; Keller 1968; Sennett 1995; Simmel 1983/1908; Strohmeier 1983, Treinen 1965; Young / Willmott 1975; ); und diese Bedeutung wächst im Alter (Herlyn / Herlyn 1983), die Bindungen werden enger, intensiver, geradezu lebenserhaltend. Daher auch die bekannte Redewendung „man verpflanzt keinen alten Baum", man zwingt Ältere nicht ohne Not zu einem Umzug, und sei eine neue Wohnung der alten auch in technischer Hinsicht noch so überlegen.
 
Die Bebauungsstrukturen des Umfeldes, die baulichen Zeichen werden bei längerer Wohndauer zu Symbolen des in ihrer Anschauung verbrachten Lebens (Basinger 1980; Simmel 1983 / 1908; Treinen 1965). Werden diese Zeichen durch Abriss oder Stadtumbau vernichtet oder gehen sie durch Umzug dem täglichen Leben verloren, wird auch das mit ihnen verbrachte und durch sie symbolisierte Leben, die hier zugebrachte Lebenszeit in symbolischem Sinne vernichtet, ein besonders für Ältere höchst schmerzlicher Vorgang, der in extremer Form Alterung und Tod beschleunigen kann. Was Jüngeren als Aufbruch und stimulierendes Wagnis erscheint, der Wechsel in eine neue Umgebung, kann für Ältere ein Vorgang der Enteignung gelebten Lebens bedeuten und tiefe Trauer auslösen. Eine solche Reaktion auf Veränderung des räumlichen Umfeldes ist sogar in gewissem Maße von der architektonischen oder städtebaulichen Qualität dieses Umfeldes unabhängig.
 
Jede Sozialplanung für das Wohnen Älterer sollte sich also darum bemühen, Umzüge zu vermeiden und den Wohnstandort im vertrauten Quartier zu erhalten, und sei dies auch noch so schwer zu verwirklichen. Kontinuität des Wohnumfeldes vermittelt eine psychische, eine emotionale Stabilität und Sicherheit, die von formalen Dienstleistungen oder technischen Einrichtungen nie erreicht oder, wenn sie denn verloren sein sollte, nie wieder hergestellt werden kann. Im verbreiteten Wunsch aller älteren Menschen, nach Möglichkeit bis zum Lebensende in der eigenen Wohnung zu bleiben, kommt sicher vor allem der Wunsch zum Ausdruck, der Anonymität und Entmündigung des Heimes zu entgehen. Es schwingt aber sicher auch der Wunsch mit, in vertrauter Umgebung, in der Wohnung und im Wohnumfeld zu bleiben, in dem sich Lebensgeschichte abgelagert hat und jeden Tag spürbar ist (Häußermann / Siebel 2000). Umzug, vor allem im Alter bedeutet immer eine Art Auslöschung dieser Geschichte des eigenen Lebens und wird daher besonders dann gefürchtet, wenn mit einem „neuen" Leben nicht mehr gerechnet werden kann.

18.2. Räumliche Abgrenzung des Wohnumfeldes

 
Herkömmliche kommunale Sozialplanung geht davon aus, dass sich das Wohnumfeld, das im beschriebenen Sinne als Gemeinwesen und emotional relevante Umwelt bezeichnet werden kann, mehr oder weniger für alle seine Bewohner in annähernd gleicher Weise abgrenzen ließe (Hamm 1980, zur Begrenzung von Stadträumen allg. Löw 2001). Dem stehen Befunde gegenüber, die darauf verweisen, dass sich psychisch, emotional relevante Umwelten eher als Aktionsräume ergeben, also von jedem einzelnen Bewohner und jeder einzelnen Bewohnerin durch seine alltäglichen Aktivitäten selbst konstruiert wird. Die Orte und Punkte in einer Wohnumgebung, die regelmäßig, häufig oder zu besonderen Ereignissen aufgesucht werden, bilden das je individuelle Quartier der Erinnerungen und Symbole des hier, in diesem Umfeld verbrachten Lebens. Allgemein wird diese Position, die zunehmend Bedeutung erlangen könnte in der Vorstellung ausgedrückt, dass wir von Raumvorstellungen im Sinne von Containern Abschied nehmen müssten, dass sich also die Dinge im Raum nicht abspielen wie in einem Behälter, sondern dass dieser für bestimmte Lebensvollzüge jeweils von diesen konstituiert werde (Beck 1996). Vorstellungen von fest abgegrenzten Räumen, in denen alle Lebensvorgänge enthalten seien wie in einem Gefäß werden aus dieser Sicht eher als autoritär bezeichnet (Löw 2001), da sie sich am politischen Herrschaftsraum einer vereineinheitlichen Macht, also z.B. eines Staates orientieren. Während allerdings auf staatlicher Ebene diese Territorialität einer notwendigen Abstraktion von lokalen, kulturellen, verwandtschaftlichen Bedingungen entspricht, um Staat auf universale Normen zu stützen, organisieren sich lokale Gemeinwesen in modernen Bedingungen um Orte, nicht um kohärente Räume mit festen und klaren Grenzen. Für die Sozialplanung stellt diese „Enträumlichung" ein gravierendes Problem dar, da sie sich nicht an Verwaltungsgliederungen orientieren kann, sondern sich auf Lebenszusammenhänge beziehen muss, die flexibel und schwankend im Raum „verortet" sind.
 
Sozialplanerischen Ansätzen der Gemeinwesenarbeit, die von derartigen territorialen Einheiten vor allem innerhalb von Großstädten ausgehen, ist also zu misstrauen. Nur dann, wenn ein Wohnumfeld für einen nennenswerten Anteil der Bewohner ein in gleicher Weise empfundenes städtebauliches Ensemble, eine symbolische Einheit bildet, könnte man von einer derartigen territorialen Einheit eines Gemeinwesens sprechen. Nur wenn Raumform sich in architektonisch-planerischer Sicht und Gesamtheit der Lebenszwecke tatsächlich decken, dürfte diese Kongruenz von Raum und Gemeinwesen, von Territorium und Lebensvollzügen tatsächlich vorliegen. Angesichts moderner Mobilität kann man aber sicher sein, dass diese Deckungsgleichheit nur in Ausnahmefällen vorliegen wird. Dennoch bildete sie für die so genannten Disparitätenstudien der 1970er Jahre die heute als fragwürdig erkennbare Grundlage (Herlyn 1980).
 
In der Stadtforschung kursiert das Zitat „Die Stadt ist kein Baum" (Alexander 1967). Sie besteht also nicht wie dieser aus einer Addition von Einzeleinheiten, von Stamm, Ästen, Zweigen, Blättern, die jede für sich klar erkennbar und unterscheidbar sind. Anders gesagt, die - große - Stadt bildet keine Addition von Nachbarschaften, Quartieren und Stadtteilen, die alle von einander klar geschieden wären. Sie überlappen und durchdringen sich vielmehr, so dass eine Sozialplanung, die auf derartige Gebietseinheiten ausgerichtet wäre, ihrem Gegenstand niemals ganz gerecht werden kann. Es sind vielmehr die so genannten Aktionsräume, die die je individuellen Quartiere konstituieren können. Aber auch eine mehr oder weniger klare Unterscheidung von Quartieren z. B. nach der Qualität der Bebauung und damit in der Regel nach dem sozialen Status der Bewohner ist immer noch gegeben, so dass sich immer zwei Aspekte der Quartiersabgrenzung überlagern, zum einen unterscheidbare Teilräume einer Stadt, zum anderen je individuelle konstituierte „Aktionsräume", die als die lebensweltlich angeeigneten Räume empfunden werden, obwohl sie keine klaren territorialen Grenzen aufweisen.
 
Dem Aktionsraumkonzept entspricht eine gewisse Fragmentierung des „Gemeinwesens". Niemals besteht von einem einzelnen Bewohner bzw. Bewohnerin zu allen anderen eines Gemeinwesens, sei dies nun ein Quartier oder Stadtteil, eine gleich enge Beziehung. Nur diejenigen Anderen werden ausgewählt, die einen bestimmten Zweck erfüllen, so wie das Leben des Städters um Zwecke, um Interessen, um Bedürfnisse entwickelt und organisiert wird, die gewährleistet werden müssen, um Lebensqualität zu erreichen. In diesem Sinne zielt Sozialplanung im Gemeinwesen auf die Optimierung derartiger Zwecke für bestimme Personengruppen, in der Regel für Benachteiligte, im vorliegenden Fall also für Ältere und im Besonderen für Ältere in gemeinschaftlichen Wohngruppen, die besondere Ansprüche an ihre Wohnumgebung stellen.
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