4.5. Die Vielfalt gemeinschaftlicher Wohnformen - Gemeinschaftlich Wohnen für unterschiedliche soziale Gruppen
Wohnprojekte gehen oft von Menschen aus, die sich einer bestimmten Gruppe zuordnen lassen. In ihren gleichartigen Bedürfnissen finden sich Menschen schneller zusammen, die Architektur und die Formen des Zusammenlebens sind einfacher auf den jeweiligen Bedarf abzustimmen. Demgegenüber ist es vielen Gruppen wichtig, gerade unterschiedliche Menschen und Gruppen zu integrieren. Ob dies gut gelingen kann, hängt von zahlreichen Faktoren ab, eine pauschale Bewertung ist daher nicht angebracht.
4.5.1. Seniorenprojekte
Diese Projekte sind ausschließlich für ältere Menschen konzipiert. Dabei werden das dritte und das vierte Lebensalter unterschieden, ohne dass sich die Grenzen an einem bestimmten Alter festmachen lassen. Eher ist die individuelle Gesundheit und Vitalität ein ausschlaggebendes Kriterium, das die Menschen im 3. Lebensalter kennzeichnet. Dem 4. Lebensalter werden diejenigen Menschen zugerechnet, die durch ihr Alter zunehmend körperlich und geistig eingeschränkt sind. Barrierefreiheit bzw. Wohnungsanpassung, Hilfe im Alltag und Versorgung im Pflegefall sind spätestens für diese Gruppe zwingende Themen.
4.5.2. Mehrgenerationenwohnprojekte
Mehrgenerationenwohnprojekte haben sich das gute Zusammenleben der verschiedenen Generationen zum Ziel gesetzt. Oft sind es größere Projekte, in denen die Architektur insbesondere Weise die verschiedenen Bedürfnisse der jeweiligen Generation berücksichtigt.
| Projektbeispiele |
| Genova Wohngenossenschaft Vauban eG Generationsübergreifend, nachbarschaftlich, ökologisch, integrativ www.genova-freiburg.de |
4.5.3. Wohnen für Frauen (oder Männer)
Insbesondere für Frauen gibt es zahlreiche Gruppen, die dem Wohnen in gleichgeschlechtlichen Gemeinschaften einen hohen Stellenwert einräumen
| Projektbeispiele |
| - Die „Neuen Beginen" setzen einen ganzheitlichen Ansatz um, zu dem auch Wohnprojekte gehören. - www.beginen.de - www.dachverband-der-beginen.de
- Frauenwohnprojekte in Deutschland: Eine aktuelle Studie über die derzeitigen Frauenwohnprojekte - www.cdl.niedersachsen.de/blob/images/C520019_L20.pdf
|
4.5.4. Wohnen für Ältere und Alleinerziehende
In der Gruppe der Alleinerziehenden sind viele auf Unterstützung angewiesen. Gerade in dieser Gruppe stellt sich die Frage nach der Vereinbarkeit von Erziehung und Beruf in besonderer Weise. Denn die bzw. der Alleinerziehende ist in der Regel aus finanziellen Gründen auf eine berufliche Tätigkeit angewiesen. Gleichzeitig soll eine gute Betreuung und Versorgung der Kinder gewährleistet sein. Einige Wohnprojekte stellen sich dieser Aufgabe sehr bewusst und bauen ihre Wohnprojekte gezielt auf diesem Angebot auf. Meist wohnt eine Gemeinschaft älterer Frauen und jüngeren Alleinerziehenden in einem familienähnlichen Verband zusammen.
| Projektbeispiele Gemeinschaftlich Wohnen für Ältere und Alleinerziehende |
| |
4.5.5. Wohnen für Migranten
Neben zahlreichen gemeinschaftlichen Wohnprojekten, die bewusst Menschen aus anderen Kulturen integrieren, gibt es eine zunehmende Anzahl von Projektinitiativen, die sich speziell an Menschen anderer Kulturen richten und gemeinschaftliche Wohnformen z.B. für ältere Frauen fördern. Insbesondere Kommunen mit hohem Anteil ausländischer Mitbürger werden initiativ oder unterstützen entsprechende Projekte.
4.5.6. Wohnen für Menschen mit Behinderungen
Viele Wohnprojekte integrieren Menschen mit Behinderungen in das Zusammenwohnen und Zusammenleben.
| Projektbeispiele |
| - wohnsinn eG, Darmstadt - www.wohnsinn.de
- BGW - Bielefelder gemeinnützige Wohnungsgesellschaft: Interessant ist das Konzept der Bielefelder Wohnungsbaugesellschaft. Hier übernehmen behinderte Mitbewohner je nach individueller Bereitschaft und Möglichkeiten Aufgaben innerhalb der Gemeinschaft - www.bgw-bielefeld.de/heinrich.html
- Einrichtungen wie die Camphill-Dörfer (www.camphill.de) oder das Schammatdorf, Trier (www.schammatdorf.de) haben sich das Zusammenleben mit Behinderten als Kernaufgabe gestellt: Sie integrieren Menschen auch mit schweren Behinderungen in jeder Alterstufe in dorfähnliche Gemeinschaften: Sie leben dort in familienähnlichen Verhältnissen und sind in normale Tagesabläufe integriert
|
4.5.7. Wohnen für Menschen mit Demenz
Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass sich Wohngemeinschaften mit einer Rund-um-die Uhr-Betreuung gerade für Menschen mit dementiellen Erkrankungen besonders eignen. Diese Form der Wohnprojekte verzeichnet daher besonders großen Zuwachs. Die überschaubare Größe von durchschnittlich 6 - 12 Personen ermöglicht einen engen Kontakt zwischen Fachkräften, Angehörigen und Pflegebedürftigen. Das ist die Grundlage für eine hohe menschliche und fachliche Qualität.
| Projektbeispiele Gemeinschaftliches Wohnen für Menschen mit Demenz |
| Über die angegeben Adressen erreichen sie eine ganze Reihe von Wohnprojekten für Menschen mit dementiellen Erkrankungen. - Wohnen in Gemeinschaft NRW e.V.: Interessengemeinschaft für alternatives Leben & Wohnen für Menschen mit Demenz und besonderem Betreuungsbedarf - www.wig-nrw.de
- Hamburger Koordinationsstelle für Wohn-Pflege-Gemeinschaften: Die Koordinationsstelle informiert und berät Angehörige, Vereine und Institutionen, die auf der Suche nach alternativen Wohn- und Betreuungsformen für pflegebedürftige ältere Menschen mit Demenz sind. - www.stattbau-hamburg.de/index1.html
|
4.5.8. Wohnen für Menschen mit finanziellem Hilfebedarf
Zahlreiche Projekte bieten Wohnungen gezielt für Menschen mit besonderem Hilfebedarf an. Neben dem geförderten Mietwohnungsbau gibt es Innovative Finanzierungs- und Rechtsformen und Konzepte, die auch bei geringeren finanziellen Möglichkeiten ein gemeinschaftliches Wohnen ermöglichen.
| Projektbeispiele für Menschen mit finanziellem Hilfebedarf |
| - WOGE und ARCHE im SONNENHOF >, die W.A.S. GmbH: Ein integratives Wohnprojekt mit zwei Initiativen unter einem Dach. Die WOGE initiiert ambulante Wohngruppen für Menschen mit dementiellen Erkrankungen, im Sonnenhof eine Wohnung mit 300 m2 für 10 Personen.. Aus den Mitgliedern des Fördervereins " Die Arche e. V. " entstand die Hausgruppe im Sonnenhof, die in Nachbarschaft mit einer Wohngruppe für Menschen mit Demenz einen gemeinsamen Hausverein gegründet haben. Besondere Finanzierungsinstrumente: Solidarfonds, Woge-Stiftung, Direkt-Kredite, Verzicht auf Spekulationsgewinne - www.wogevauban.de www.diearche-freiburg.de/Sonnenhof.html
- Miethaussyndikat: Zusammenschluss von selbst organisierten Hausprojekten und Projektinitiativen weit über 50). Die Gruppe verfügt über erhebliches Know-How für die Projektfinanzierung selbst organisierter Hausprojekte, beteiligt sich an Projekten, sucht Direktkredite, verwaltet einen Solidarfonds, eine Stiftung und einen speziellen Projektfonds. - www.syndikat.org
- Abbeyfieldhouse: Ein Netzwerk internationaler gemeinnütziger Gesellschaften, deren Ziel das Wohnen und die Fürsorge für älteren Menschen in gemeinschaftlichen Wohnprojekten ist. Der Verein organisiert Projekte organisiert für Menschen mit finanziellem Hilfebedarf - www.abbeyfieldinternational.com/ - www.abbeyfield.de
|
4.5.9. Integriertes Wohnen
Es ist und bleibt auch in Zukunft das Ideal, möglichst keine Ghettos homogener Gruppen zu schaffen, sondern mit unterschiedlichen Menschen, Jungen und Alten, Gesunden und körperlich Beeinträchtigten, gut Situierten und Menschen mit sozialem Hilfebedarf eine stabile lebenswerte Wohnumgebung aufzubauen und zu pflegen. Selbstbestimmte und gemeinschaftliche Wohnprojekte können mit ihren Unterstützungsstrukturen und bewussten Gemeinschaftsbildung dazu erheblich beitragen und können so zu einem aktiven Bestandteil einer Zivilgesellschaft werden. Darüber kann jedoch kaum abstrakt gesprochen werden, in jedem Projekt müssen die Beteiligten feststellen, welche Ziele sie haben und wie tragfähig ihre Gemeinschaft ist.
4.6. Entscheidungshilfen - FAQ - Antworten auf häufig gestellte Fragen
In welchem Alter sollte ich mich entscheiden? Für gemeinschaftliches Wohnen ist es nie zu früh! Für jedes Alter gibt es interessante gemeinschaftliche Wohnformen: Von den Studenten- und Auszubildenden-Wg´s über die Bau- und Mietergemeinschaften, den Genossenschaften bis hin zu den Pflegewohngemeinschaften und den zahlreichen Übergangs- und Mischformen. Viele sind generationenübergreifend oder nicht auf ein bestimmtes Alter ausgerichtet. Keinesfalls ist das gemeinschaftliche Wohnen eine Wohnform, die erst in Frage kommt, wenn Sie alt und pflegebedürftig sind. Eher gilt das Gegenteil: Es ist eine Wohnform, die von engagierten Beteiligten lebt, die etwas einbringen. Auf dieser Basis können Menschen mit Hilfebedarf integriert werden.
Eigentlich sollte das gemeinschaftliche Wohnen die „normale" Wohnform sein: Jeder oder Jede kann etwas beitragen zu einem funktionierendem Gemeinwesen - und bei Bedarf Hilfe in Anspruch nehmen.
Durch die besondere Form der Pflegewohngemeinschaften gibt es darüber hinaus sogar für Pflegebedürftige die Möglichkeit, die Vorteile gemeinschaftlichen Wohnens in Anspruch nehmen zu können.
| Praxistipps für eine altersunabhängige Entscheidung |
| - Je früher Sie sich für eine gemeinschaftliche Wohnform entscheiden, umso leichter fällt es Ihnen, sich an die neuen Bedingungen anzupassen und auf andere Menschen zuzugehen. Sie können sich besser integrieren und noch etwas in die Gemeinschaft einbringen. So bestehen bessere Chancen, gute Bekanntschaften aufzubauen.
- Gemeinschaftliches Wohnen lebt von den Menschen, die etwas einbringen. Das fällt Jüngeren und Gesunden oder den aktiven Älteren in der Regel leichter. Je mehr Bewohner bereit sind, sich zu engagieren, je mehr Menschen mit Hilfebedarf können durch die Gemeinschaft getragen werden.
|
Mehrgenerationen- oder Seniorenwohnprojekt? Die Frage, ob Mehrgenerationenwohnprojekte oder eher Wohnprojekte mit einer weitgehend homogenen Alterstruktur die besseren sind, kann nicht pauschal gesagt werden. Eher von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Frage; welcher Typus Ihnen besser passt, - und wie gut die Qualität des Zusammenlebens in den Projekten ist. Letztlich hängt es von den konkreten Menschen ab, die in einem Projekt wohnen. Da kann das Projekt mit den Gleichaltrigen völlig daneben liegen und in dem Mehrgenerationenprojekt kommen Sie bestens klar. Es lohnt sich also, sich möglichst offen auf die konkreten Projekte einzulassen und sich gezielt umzuschauen. Oder selber ein gemeinschaftliches Wohnprojekt ins Leben zu rufen.
| Praxischeck: Mehrgenerationen- oder Seniorenprojekt? |
| - Welcher Typ sind sie? Kommen Sie gut mit Menschen, die andere Lebensgewohnheiten haben, zurecht? Sind sie tolerant gegenüber spielenden Kindern? Lieben Sie die Lebendigkeit, die sich aus der Begegnung unterschiedlicher Generationen ergibt?
- Wird in dem betreffenden Projekt durch die Architektur oder durch besondere Formen der Gemeinschaftspflege auf die Bedürfnisse der unterschiedlichen Generationen besondere Rücksicht genommen?
- Hat das Projekt eine entsprechende Größe, so dass in jeder Altersgruppe eine gewisse Anzahl gleichaltriger Bewohner ist, die eher ähnliche Bedürfnisse haben?
- Jede Generation hat ihre speziellen Lebensumstände und kann daher andere Formen von Hilfe und Aktivität einbringen oder benötigt diese. So können sich die Generationen auf ganz natürliche Weise gut ergänzen.
- Erst das Zusammenleben aller Generationen bildet die ganze Lebenswirklichkeit ab und grenzt niemand aus. Das ist für jeden Beteiligten die beste Gewähr, nicht in einem Ghetto zu leben. Denken Sie daran, dass Sie selbst auch älter werden.
- Ist eine Pflegebedürftigkeit absehbar? Dann sollten Sie möglichst Projekte in Betracht ziehen, die Pflege integrieren oder noch besser, eine Pflegewohngemeinschaft.
|
| Praxistipp: Mehrgenerationen- oder Seniorenprojekt? |
| - Mehrgenerationenwohnprojekte haben weniger Neigung, letztlich doch ein Senioren- oder „Pflegeghetto" zu werden. Die Chance auf eine dauerhafte Wohn-Alternative ist größer. Projekte, die von Anfang an auf eine ausgewogene Zusammensetzung der verschiedenen Generationen setzen, sind attraktiver für die nachrückenden jüngeren Jahrgänge. Die Chance auf ein dauerhaft attraktives Wohnprojekt ist damit größer. Nicht zuletzt kann dies auch eine verantwortliche wirtschaftliche Entscheidung sein, schließlich geht es auch um die Wiederbelegung
|
Lieber ein großes oder ein kleines Projekt? Meistens entscheiden sich Interessenten, wenn Sie mit anderen ein Wohnprojekt gründen wollen, für eine Größe von etwa 12 - 15 Wohneinheiten. Interessanterweise ist das die Größe für gut überschaubare Nachbarschaften. Bis zu dieser Größe gibt es gute Chancen, seine Mitbewohner noch gut zu kennen und aufmerksam zu sein. Insofern ist eine Entscheidung für diese Projektgröße nachvollziehbar. Bevor sie sich entscheiden, sollten Sie die Vor- und Nachteile größerer Projekte überschauen können. Interessant, dass einige dieser Projekte aus mehreren Häusern bestehen, die in etwa diese Nachbarschaftsgrößen berücksichtigen. Sicher ist: Weder Groß noch Klein bedeutet automatisch Qualität.
| Praxischeck Projektgröße |
| - Kleine Projekte können leichter initiiert und gegründet werde.
- Kleine Projekte sind überschaubarer, die Beteiligten kennen sich in der Regel gut.
- In kleinen Projekten gibt es bei größeren Konflikten meist nur die Möglichkeit, dass einer der Konfliktbeteiligten geht. In größeren Projekten können sich die Wahlverwandtschaften der sozialen Dynamik anpassen. Es gibt eher die Gelegenheit, neue Bekanntschaften zu pflegen. Die Bandbreite der unterschiedlichen Charaktere und die Kontaktflächen und damit sind die Wahrscheinlichkeit neuer verträglicher Konstellationen sind größer
- Größere Gemeinschaften können sich mehr leisten, von den Gemeinschaftsräumlichkeiten bis zum Mediator oder jährlichen Nachbarschaftsworkshop.
- Die verschiedenen Interessen, die zusammenkommen, geben gute Möglichkeiten für ein breiteres Programm.
- Wenn es darum geht, Hilfe zu organisieren, fällt dies größeren Gemeinschaften leichter, auch finanziell. Die unterschiedlichen Möglichkeiten und Bedarfe gleichen sich eher aus.
- Wohnprojekte einer gewissen Größe können die Bedürfnisse der unterschiedlichen Generationen leichter berücksichtigen, vor allem auch baulich (z.B. in verschiedenen Gebäuden)
|