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7. Gruppenbildung und Moderation

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Helene Rettenbach, PlanWerkStadt –
Institut für Stadtentwicklung und Projektberatung e.V.

„Der Mensch ist ein soziales Wesen". Dieser Tatsache tragen gemeinschaftliche Wohnprojekte als relativ neue Wohnform in besonderer Weise Rechnung. Die Mitglieder entscheiden sich freiwillig und bewusst für die Gruppe als soziales Netzwerk jenseits der Familie und sind bereit, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Das gilt nicht erst im gelebten Alltag als Nachbarschaft, Haus- oder Wohngemeinschaft. Schon der Prozess der Projektentwicklung bietet die Chance die neuen Formen einzuüben und zu etablieren.

7.1 Gruppenbildung

Aus der Perspektive unterschiedlicher Zielgruppen sollen im Folgenden für jede Phase der Gruppenentwicklung einige Fragestellungen exemplarisch beleuchtet werden.
 
Fragen und Antworten zur Gemeinschaftsentwicklung in den verschiedenen Projektphasen

7.1.1 Ideen- und Konzeptionsphase

Je nachdem, von wem die Initiative für die Projektentwicklung ausgeht, verläuft die Gruppenbildung in der Ideenphase unterschiedlich. Projekte von „unten" oder „innen" entstehen durch Privatinitiative von Einzelnen oder das Gespräch im Freundeskreis.
Bei Projekten von „oben" oder „außen" machen Institutionen (z.B. Bildungsträger, Kommunen, Wohnungsunternehmen) den ersten Schritt. In beiden Fällen verständigt sich zunächst eine Kerngruppe über wichtige Merkmale des Projekts (z.B. Lage, Größe, Mischung). Auf dieser Basis können sich weitere Interessenten und Interessentinnen anschließen. In der Konzeptionsphase müssen dann alle individuellen Wünsche abgestimmt und gemeinsame Ziele vereinbart werden.
Es wächst eine Interessengemeinschaft, in der persönliche Beziehungen entstehen, sich aber auch die Zusammensetzung der Gruppe häufig noch verändert.

Interessierte Laien

Welche persönlichen Eigenschaften muss man für ein Gemeinschaftliches Wohnprojekt mitbringen?
 
Menschen, die sich für das Gemeinschaftliche Wohnen entscheiden, sind Pioniere. Obwohl sich in den letzten Jahren immer mehr Unterstützungsstrukturen entwickelt haben, muss immer wieder Neuland erschlossen werden. Nicht nur, wenn es darum geht, ungewöhnliche Bau- und Finanzierungskonzepte oder die passende Rechtsform zu finden, sondern auch, wenn den Wohnerfahrungen in Familie und anonymer Nachbarschaft neue Wohn- und Lebensformen in einer selbstgewählten Haus- oder Wohngemeinschaft entgegengesetzt wer-
 
den. Pioniergeist - also Risikobereitschaft, Kreativität und Durchhaltevermögen - sind deshalb wichtige Persönlichkeitsmerkmale. Für die Kommunikation und Entscheidungsfindung in der Gruppe gehören Toleranz, Geduld und Bereitschaft zur Auseinandersetzung zu den Grundvoraussetzungen. Im sozialen Miteinander sollte jedes Mitglied der Gemeinschaft geben (wollen) und nehmen (können).
Individuell unterschiedliche Begabungen und Interessen können sich produktiv ergänzen. Die Eine ist handwerklich geschickt, ein Zweiter ist kulturell interessiert. Wieder andere bringen ihr Organisationstalent ein oder beherrschen die Buchhaltung. Auch wenn Baupläne beurteilt werden müssen oder ein öffentlicher Auftritt geplant wird, kann die Gruppe von den unterschiedlichen Fähigkeiten der einzelnen Mitglieder profitieren.
In der Ideen- und Konzeptionsphase fördert eine Sammlung der „Human Ressources" die individuelle Auseinandersetzung mit den eigenen Möglichkeiten und das gegenseitige Kennenlernen (siehe dazu weiter unten: Moderationstechniken).
 
Wie finde ich eine Gruppe, die zu mir passt?
 
Angebote für Gemeinschaftliches Wohnen finden sich nur selten im Immobilienteil der Tageszeitung. Macherorts informieren lokale/regionale Anlaufstellen darüber, ob es am gewünschten Standort Projektinitiativen gibt, die für Einzelinteressierte offen sind (Adressen z.B. über das Forum Gemeinschaftliches Wohnen). Wer sich in Netzwerken engagiert oder regelmäßig im Internet recherchiert, ist immer auf dem aktuellen Informationsstand und kann auch selbst aktiv nach passenden Projekten suchen (z.B. www.wohnprojekte-portal.de).
Bei den ersten Kontakten sollte zunächst geklärt werden, ob wichtige Projektmerkmale schon festgelegt sind:

  • Die Lage / der Stadtteil
Kann ich mir vorstellen dort zu wohnen?
  • Die Verfügungsform
Will ich mieten oder kaufen? Suche ich eine Genossenschaft?
  • Die Finanzierung
Entspricht der Kostenrahmen meinen finanziellen Möglichkeiten?
  • Der Zeitplan
Wann kann mit einem Bezugstermin gerechnet werden?
  • Die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner
Wie groß ist die Gruppe - jetzt und später? Welche Zusammensetzung (z.B. Altersmischung ist geplant?
 
Stimmen diese formalen Kriterien mit den eigenen Vorstellungen überein oder bietet das Projekt noch Spielraum zur Mitgestaltung, dann beginnt die Phase des Kennenlernens. Erst mit dem persönlichen Engagement und in der verbindlichen Mitwirkung stellt sich heraus, ob „die Chemie stimmt". Für die „Neuankömmlinge" ist es hilfreich, wenn sie offen auf die Gruppe zugehen und ihre Ideen nicht als Forderungen einbringen.

Projektinitiativen und Multiplikatoren/Multiplikatorinnen

Wie findet man Gleichgesinnte?
 
Aus der Perspektive der Wohninitiativen ist eine Projektbeschreibung Voraussetzung für die Suche nach Gleichgesinnten. Sie antwortet auf die Fragen „Wer sind wir?" und „Was wollen wir?" und gibt den aktuellen Stand der Entscheidungsfindung wider.  Je nach Fortschritt der
 
 Projektentwicklung sind darin offene Fragen, allgemeine Ziele oder konkrete Festlegungen dargestellt und können im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit möglichen Interessenten und Interessentinnen präsentiert werden - z.B.:

  • per Auslage an geeigneten Orten und bei persönlichen Kontakte
als Handzettel, Flyer, Exposé
  • bei öffentlichen Veranstaltungen
auf Plakaten, am Infostand, als Vortrag mit Folien oder als Power-Point-Präsentation
  • im Internet
auf der eigenen Website, bei Projektportalen (www.wohnprojekte-portal.de), als Suchanzeige in Newsletters
  • in Presse, Radio und Fernsehen
als Annonce, redaktioneller Beitrag, Interview.
 
Multiplikatoren und Multiplikatorinnen sind Personen und Organisationen, die sich - ehrenamtlich oder beruflich - für das Thema Gemeinschaftliches Wohnen engagieren -  zum Beispiel in Volkshochschulen, kommunalen Frauen- / Seniorenbüros oder kirchlichen Arbeitskreisen bieten sie den Initiativen Möglichkeiten zur Präsentation -bei regelmäßigen Infoveranstaltungen, Netzwerktreffen oder Projektbörsen/Projektetagen u.ä.
Ob aus den ersten Kontakten neue Mitglieder für die Projektgruppe gewonnen werden können, entscheidet sich erst beim persönlichen Kennenlernen während der Gruppentreffen, oder bei gemeinsamen Freizeitaktivitäten.
 
Wie kann die Fluktuation in der Gruppe begrenzt werden?
 
Veränderungen in der Zusammensetzung der Projektgruppe sind in der  Ideen- und Konzeptionsphase nicht vermeidbar - mitunter sogar erwünscht. Ursache dafür können äußere Rahmenbedingungen (z.B. berufliche Veränderungen), inhaltliche Interessengegensätze (z.B. unterschiedliche Ansprüche an die Gemeinschaft) oder persönliche Differenzen innerhalb der Gruppe sein.
Erfahrungen zeigen, dass es sowohl auf der Sachebene als auch auf der Beziehungsebene Strategien gibt, mit denen die Fluktuation begrenzt werden kann:

  • Zieldiskussion strukturieren und zeitlich begrenzen (max. 6 Monate)
  • Alle Vereinbarungen dokumentieren (Protokolle / Konzept)
  • Verbindlichkeiten herstellen (Regeln, Mitgliedschaft, finanzieller Beitrag)
  • Raum für persönliches Kennenlernen geben (Freizeitaktivitäten)
  • Neulinge in einem strukturierten Verfahren genau informieren und vor der Aufnahme in die Gruppe auf bereits getroffene Entscheidungen verpflichten.
 

Wohnungsunternehmen und Kommunen

Wie kann die Gruppenfindung effizient gestaltet werden?
 
Wohnprojekte, die aus der Akteursgruppe der späteren Nutzerinnen und Nutzer heraus entstehen, brauchen erfahrungsgemäß länger als von Trägern initiierte Projekte. Besonders dann, wenn Wohnungsunternehmen oder Kommunen ein konkretes Objekt (Grundstück oder Gebäude) für die Entwicklung eines Gemeinschaftlichen Wohnprojekts zur Verfügung stellen, muss die Gruppenentwicklung effizient gestaltet werden.
Vorgaben zur baulichen und rechtlichen Struktur des Projekts sowie das geplante Finanzierungsmodell bilden dabei Eckpunkte der Konzeptentwicklung und definieren Spielräume für die Planungsbeteiligung, an denen sich Interessenten/Interessentinnen orientieren können.
 
Soll das Projekt aber nicht nur Planungs- oder Baugemeinschaft sein, sondern auch in der Wohnphase soziale Funktionen erfüllen (nach innen z.B. gegenseitige Unterstützung im Alter; nach außen z.B. quartiersbezogene Angebote), müssen schon in der Gruppenfindung belastbare persönliche Bindungen entstehen. Erfahrungen zeigen, dass dafür bis zum Einzug ein Zeitraum von mindestens einem Jahr einzukalkulieren ist. Die Vermarktungsphase verschiebt sich also im Vergleich zum üblichen Ablauf und muss exakt mit dem Planungs- und Bauprozess verzahnt werden. Entscheidend für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sind:

  • Klarheit
bauliche, rechtliche, finanzielle Angebote müssen verständlich dargestellt werden.
  • Verbindlichkeit und Transparenz
Spielregeln müssen vereinbart und eingehalten werden.
  • Offenheit
Kooperative Arbeitsweisen müssen erprobt und etabliert werden. 
 
Welche Rahmenbedingungen erleichtern die Gruppenfindung?
 
Um Einzelinteressierten den Kontakt zu bereits bestehenden Initiativen zu ermöglichen oder sie bei der Gründung einer neuen Gruppe zu unterstützen, gibt es in vielen Städten und einigen Regionen bereits Anlaufstellen. Lokale Netzwerke vermitteln Grundlagenwissen und führen die Akteure zusammen. Bei regelmäßigen Treffen oder Veranstaltungen kann man sich hier zunächst unverbindlich „beschnuppern".
Zur professionellen Begleitung der Gruppenentwicklung in der Konzeptionsphase kann man bei Bedarf auf erfahrene Fachleute zurückgreifen.
 
Kontakte zu regionalen Anlaufstellen vermittelt das Forum Gemeinschaftliches Wohnen (www.fgw-ev.de). Adressen projekterfahrener Fachleute sind im BeraterInnen-Netzwerk des Wohnprojekteportals (www.wohnprojekte-portal.de) zu finden.

Informationen speziell für den ländlichen Raum

Welche speziellen Aspekte der Gruppenbildung müssen bei Initiativen zum Gemeinschaftlichen Wohnen im ländlichen Raum berücksichtigt werden?
 
Im ländlichen Raum fehlt meist noch eine ortsnahe organisierte Infrastruktur zur Begleitung und Beratung bei der Gruppenfindung. Initiativen entstehen eher auf privater Basis und gelten manchmal noch als „Exoten". Wenn das Projekt Wert auf eine Integration in die  Dorfgemeinschaft legt, sollte von Beginn an der Kontakt zur Nachbarschaft und zu örtlichen Vereinen gepflegt werden.
Einzelne Bundesländern engagieren sich im Rahmen der Dorfentwicklung auch für neue Formen des Wohnens. Informationen über Beratungsangebote und Förderprogramme gibt es bei den zuständigen Ministerien.
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