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7.1.2 Planungs- und Umsetzungshase

Wenn es in der Planungs- und Umsetzungsphase darum geht, konkrete Lösungen für bauliche, finanzielle und organisatorische Fragen zu entwickeln, tritt neben den gruppeninternen Dialog die Auseinandersetzung mit externen Fachleuten. Verbindlichkeit und wachsendes Zugehörigkeitsgefühl kennzeichnen in dieser Phase den Gruppenprozess.


Interessierte Laien

Gibt es Gruppenmerkmale, die sich besonders gut für Gemeinschaftliche Wohnprojekte eignen?
 
Jede Gruppe entwickelt ihr eigenes Konzept. Generell lässt sich deshalb nicht sagen, welche Merkmale sich besonders gut für Gemeinschaftliche Wohnprojekte eignen. Kleine Projekte können genauso gelingen bzw. scheitern wie große, gemischte Alters- oder Haushaltsstrukturen ebenso wie homogene. Von manchen Beraterinnen/Beratern wird eine Mindestgröße
 
von ca. 10 Personen empfohlen. Damit soll das Risiko minimiert werden, dass durch Streitigkeiten oder das Ausscheiden einzelner Mitglieder gleich das ganze Projekt gefährdet ist.
 
Wie sollten Entscheidungen in Gemeinschaftlichen Wohnprojekten getroffen werden?
 
Demokratische Entscheidungsstrukturen und Planungsbeteiligung sind charakteristisch für Gemeinschaftliche Wohnprojekte - ob eher konsensorientiert oder durch Mehrheitsbildung geprägt, dafür entwickelt jede Gruppe ihre eigenen Regeln.
In der Planungs- und Umsetzungsphase stehen viele Entscheidungen an, die zum Teil sehr schnell getroffen werden müssen. Je mehr Einfluss die Gruppe auf die konkreten Lösungen nehmen will/kann, desto klarer sollten die Vorgaben bereits in der Konzeptionsphase formuliert worden sein. Auf dieser Basis kann dann in der Planungsphase die Meinungsbildung über (ggf. alternative) Vorschläge der Fachleute so vorbereitet werden, dass alle Beteiligten zumindest bei zentralen Fragen der Architektur, der Finanzierung und der rechtlichen Organisation eingebunden sind. Entscheidungsbefugnisse für den laufenden Prozess können auch delegiert werden. Gleichgültig ob Einzelpersonen oder Gruppen dabei bestimmte Funktionen übernehmen - Voraussetzung ist eine tragfähige Legitimationsgrundlage  (Wahl, Konsens/Vertrauen) und eine Rückbindung in die Gruppe (Bericht).

 Projektinitiativen, Multiplikatoren und Multiplikatorinnen

Welche Rollen sind für den Gruppenprozess in der Planungs- und Umsetzungsphase wichtig?
 
In allen Schritten der Gruppenentwicklung gibt es Rollen innerhalb der Gemeinschaft, die besondere Bedeutung für den Prozess haben. Führungsfunktionen können dabei wechseln. So wächst in der Planungsphase bei Verhandlungen mit externen Fachleuten die Bedeutung der Außenvertretung und damit der Status derjenigen, die diese Aufgabe übernommen haben. Am Bau sind dann zum Beispiel handwerkliche und organisatorische Fähigkeiten gefragt. Bei der Verteilung von Funktionen im Gesamtprozess sollte darauf geachtet werden, dass Arbeit und Verantwortung sich nicht bei immer denselben Mitgliedern konzentrieren und so ein Machtgefälle zwischen den „Machern oder Macherinnen" und dem Rest der Gruppe entsteht. Probleme sind auch dann zu befürchten, wenn es zu Überschneidungen zwischen gruppeninternen und -externen Rollen kommt, also zum Beispiel ein Gruppenmitglied als Architekt oder Architektin beauftragt wird.
 
Welche besonderen Qualifikationen brauchen externe Partnerinnen und Partner im Dialog mit Projektgruppen?
 
Über die fachliche Qualifikation für Bau, Finanzierung oder Recht hinaus sollten die externen Partnerinnen und Partner möglichst Erfahrung in der Arbeit mit Gruppen oder partizipativen Planungsverfahren haben. Die Auswahl bei Planungs- und Beratungsaufträgen ist damit oft begrenzt - vor allem, wenn Experten oder Expertinnen in räumlicher Nähe gesucht werden. Empfehlungen aus Wohnprojekten sind besonders hilfreich, aber auch Netzwerke und anbieterneutrale Internetportale können genutzt werden - z.B. www.wohnprojekte-portal.de oder www.fgw-ev.de.

Wohnungsunternehmen und Kommunen

Muss in der Planungs- und Umsetzungsphase mit zeitlichen Verzögerungen oder zusätzlichen Kosten durch den Gruppenprozess gerechnet werden?
 
Partizipative Planungsverfahren und bauliche Selbsthilfe können kurzfristig Verzögerungen im Ablauf und zusätzlichen Kosten verursachen. Andererseits sind durch den Gruppenprozess Einsparungspotenziale zu erschließen oder die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner sind bereit, für die besonderen Qualitäten des Projekts etwas mehr zu investieren. Vermeidbare Aufwendungen entstehen, wenn die gegenseitigen Erwartungen der Beteiligten nicht im Vorfeld geklärt oder Methoden und Abläufe nicht auf die spezifischen Erfordernisse des Beteiligungsprozesses abgestimmt sind.
 
Wie kann Verbindlichkeit in bezug auf die Zusammensetzung der Gruppe hergestellt werden?
 
Im Lauf der Planungsphase sollte die Zusammensetzung der Wohngruppe verbindlich festgelegt sein. Auch wenn noch nicht alle Wohnungen vergeben sind, kann dabei durch das Wohnungsgemenge oder mit Quoten eine bestimmte Mischung (z.B. nach Haushaltsgrößen, Alter, ethnischer Zugehörigkeit, Handicaps) vereinbart werden. Obwohl die Gemeinschaft in der Realisierungsphase ihres Projekts erfahrungsgemäß immer näher zusammen wächst, gibt es bis zur Schlussphase der baulichen Fertigstellung Vermarktungsrisiken für den Projektträger. Diese können minimiert werden, wenn mit den zukünftigen Bewohner/Bewohnerinnen je nach Projektfortschritt Optionen und  (Vor-)verträge mit entsprechenden finanziellen Verpflichtungen geschlossen werden.
 

7.1.3 Wohnphase

Erst in der Wohnphase zeigt sich, ob die Gemeinschaft tragfähig genug ist, um die Projektziele im Zusammenleben umzusetzen und auch längerfristig zu sichern. Inhaltliche Aspekte und Gruppenprozess stehen dabei immer in Wechselwirkung zueinander und verweisen darauf, dass Gemeinschaftliches Wohnen nicht nur Wohnform sondern gleichzeitig auch Lebensform ist.

Interessierte Laien

Was zeichnet langfristig erfolgreiche Gemeinschaften in Gruppenwohnprojekten aus?
 
Aus der Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner misst sich der Erfolg jeder Gemeinschaft zunächst daran, ob es der Gruppe gelingt, den Alltag zu meistern. Dazu gehört die Reinigung des  Gemeinschaftsraums genauso wie die Organisation von Freizeitaktivitäten; aber auch die Frage, wer einkaufen geht, wenn in der Nachbarschaft die Grippe grassiert, oder wie laut die Kinder mittags im Hof spielen dürfen. Welche Organisationsformen, Regeln und Rituale sich dabei bewähren, müssen die Beteiligten entscheiden und auf längere Sicht immer wieder neu aushandeln. Die Gemeinschaft braucht also Raum zur Veränderung und Weiterentwicklung. Ob die „Visionen der Gründerinnen und Gründer" dabei Bestand haben, erkennt man am besten daran, wie die Gruppe mit schwierigen Situationen (z.B. Neubelegung freiwerdender Wohnungen, finanzielle Probleme) oder gar Lebenskrisen einzelner Mitglieder (z.B. Trennung, Krankheit, Tod) umgeht.
Jenseits konkreter konzeptioneller Ziele zeichnen sich gelingende Gemeinschaft dadurch aus, dass sie immer wieder eine Balance herstellen:

  • zwischen Geben und Nehmen
  • zwischen Nähe und Distanz
  • zwischen Mitbestimmung und Mitverantwortung.
 
Wie können Interessierte von den Erfahrungen in der Gemeinschaftsentwicklung realisierter Wohnprojekte profitieren?
 
Viele Wohnprojekte sind bereit, ihre Erfahrungen an Interessierte weiterzugeben. Sie arbeiten in Netzwerken mit, nehmen an Veranstaltungen oder präsentieren sich im Internet.  Den besten Eindruck vermitteln Projektbesuche, die auf Anfrage vereinbart oder zu bestimmten Terminen angeboten werden. Manche Projekte übernehmen sogar Patenschaften für neue Initiativen.
Auf dem Buchmarkt finden sich neben einigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen inzwischen zahlreiche Erfahrungsberichte zur Gemeinschaftsentwicklung in realisierten Wohnprojekten - z.B Fuchs, D. und Orth, J. Umzug in ein neues Leben, Wohnalternativen für die zweite Lebenshälfte. Kösel Verlag 2003 ISBN 3-466-30625-6

Projektinitiativen, Multiplikatoren und Multiplikatorinnen

Wie kann die Gemeinschaft nach dem Einzug gepflegt werden?
 
Nach der Euphorie, die typischerweise mit dem Einzug in das neue Zuhause verbunden ist, folgt in vielen Wohnprojekten eine schwierige Phase der Gruppenentwicklung. Häufig konzentrieren sich die Bewohnerinnen und Bewohner zunächst auf das „Ankommen" in den eigenen vier Wänden. Gruppenverpflichtungen oder -aktivitäten bedeuten dann eher Stress und werden auf später verschoben. Gruppentreffen, bei denen die Nachbarinnen und Nachbarn sich regelmäßig und möglichst vollständig versammeln, bieten dann einen wichtigen „Anker". Sie dienen zur Klärung anstehender Fragen und Probleme, geben Raum für Anregungen, zum Austausch und für Auseinandersetzung. Neben den Organisationsstrukturen und Regeln, die für die Bewältigung des Alltags vereinbart werden müssen, fördern Rituale zu besonderen Anlässen (Hausfest, Geburtstage) oder ein Programm gemeinsamer Freizeitaktivitäten (Sport, Kultur) das Zusammengehörigkeitsgefühl.
Von Zeit zu Zeit sollte die Gruppe den Blick auch „nach innen" richten. Der Austausch über Fragen wie „Was läuft gut/schlecht und warum?" oder „Welche Ziele haben wir erreicht/noch nicht erreicht und was wollen wir gemeinsam dafür tun?" bilanzieren und stoßen ggf. notwendige Veränderungen an, bevor Konflikte die positive Entwicklung der Gemeinschaft behindern.
Was ist bei der Nachbelegung frei werdender Wohnungen für die Entwicklung der Gemeinschaft zu beachten?
 
Insbesondere bei kleineren Wohngruppen kann ein personeller Wechsel sich gravierend auf die Gruppendynamik auswirken. Rollen werden neu verteilt - auf der Sachebene sind das die Zuständigkeiten für bestimmte Aufgaben, auf der Beziehungsebene entstehen neue zwischenmenschliche Bindungen und Strukturen. Das kann für die Entwicklung der Gemeinschaft eine Chance aber auch ein Risiko bedeuten. Deshalb ist es wichtig, möglichst offen mit den gegenseitigen Erwartungen umzugehen. Außerdem ist darauf zu achten, dass das Verfahren transparent ist und die Entscheidungen von der gesamten Gruppe mitgetragen werden bzw. legitimiert sind.
Manche Projekte führen Wartelisten oder bieten die Möglichkeit des „Probewohnens" an,
 
damit nicht nur der notgedrungen oberflächliche Eindruck in Bewerbungsgesprächen die Entscheidung darüber bestimmt, ob die „Chemie" stimmt.
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