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8. Konfliktmanagement im Wohnprojekt und geeignete Verfahren zur Konfliktlösung: Supervision (im Konflikt) und Mediation

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Doris Knaier, FGW

8.1. Nachbarschaft und Konflikte
Interessierte Laien:
Die wenigsten Menschen haben schon einmal im Leben ein ähnliches Unternehmen wie ein Wohnprojekt gestemmt. Im Vorteil sind Initiativen, deren Mitglieder Erfahrungen haben mit Selbstverwaltung in Gruppen oder Betrieben. Manche Menschen können auf Erfahrungen in Studenten-Wohngemeinschaften zurückgreifen, doch sehen Wohnprojekte in aller Regel abgeschlossene Wohnungen vor und sind auf lange Zeit angelegt. Insofern sind Wohnprojekte ein Erfahrungsfeld für neue Kooperationen und neue Konfliktlösungsstrategien.
Basiswissen über Nachbarschaft macht es leichter:

  • Nachbarschaft funktioniert, wenn Geben und Nehmen ausgeglichen sind.
  • Der Interessensausgleich muss in der Summe stimmen: Vorleistungen sind in Ordnung, wenn erwartet werden kann, dass sie sich später oder auf anderer Ebene rechnen.
  • Nachbarschaft ist im Kern funktional und unterscheidet sich damit von Freundschaft und Verwandtschaft.
 
Lebendige Nachbarschaft erwächst aus ihrer Qualität, der „Nähe". Oft entwickeln Nachbarinnen und Nachbarn in Wohnprojekten eine erstaunliche Bandbreite von sozialen Kontakten und gegenseitiger Hilfe, auch ohne das dezidiert miteinander zu vereinbaren. Die andere Seite ist, dass Nähe auch ein Konfliktfeld werden kann. Stichwort ist „soziale Kontrolle".
 
Nachbarschaftliche Konflikte gab es schon immer. In früheren Zeiten wurde bestraft, wer die nötige Distanz nicht einhielt. Funktionierende Streitschlichtungsmodelle wurden entwickelt. Nachbarschaften früher haben jeden erdenklichen Anlass zu gemeinsamen Feiern aufgegriffen. Wenn Strafen für Verfehlungen verhängt wurden, so waren sie häufig in Wein und Bier
zu entrichten, die dann gleich miteinander vertrunken wurden. Für moderne Wohnprojekte kann das heißen: Ein vielfältiges soziales Leben pflegen und nach schwierigen Sitzungen und Versammlungen auf alle Fälle schnell eine andere Kontaktmöglichkeit anbieten. Konfliktpartnerinnen und -partner haben dann gleich wieder die Gelegenheit, sich anders zu begegnen.
 
Mitglieder von Initiativen, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren:
Im Kern geht es bei Wohnprojekten um etwas, was wir alle kennen: Nachbarschaft in den verschiedenen Aspekten. Aber es geht auch um etwas, was nur wenige Menschen schon einmal gemacht haben: sich die Nachbarinnen und Nachbarn selbst aussuchen und mit ihnen die Art des Zusammenlebens gestalten. Die übliche Nachbarschaft bezieht sich auf Begegnungen im Treppenhaus, sich grüßen, Blumengießen oder den Briefkasten ausleeren. Nachbarschaftliche Distanz gilt als eine hohe Tugend. Die Nachbarschaft im Wohnprojekt umfasst wesentlich mehr: Dies kann sich auf verschiedene Bereiche beziehen. Ein Wohnprojekt umfasst nicht ein Haus sondern 6 Häuser:
  • Das soziale „Haus", das Zusammenleben, die Gruppe und das Konzept,
  • Das juristische „Haus", die Rechtsform,
  • Das ökonomische oder finanzielle „Haus", gemeinsames Finanzieren und Wirtschaften,
  • Das gebaute Haus, die Architektur
  • Das ökologische „Haus", Energiekonzept, biologisches Bauen und Wohnen
  • Das kulturelle Haus, vielleicht sogar gemeinsame kulturelle Veranstaltungen - der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

So viele Ebenen der Begegnung mit Nachbarinnen und Nachbarn, so viele Konfliktmöglichkeiten! Doch gerade der Unterschied zu üblichen Nachbarschaften macht auch bei Konflikten den Unterschied: im Wohnprojekt bestimmen die Nachbarn selbst welche Vereinbarungen sie treffen und wie sie ihre Konflikte regeln wollen - natürlich im Rahmen der geltenden Gesetze. Hier muss das Rad nicht mehr neu erfunden werden, es gibt inzwischen zahlreiche Projekte, auf deren Erfahrungen sich aufbauen lässt, Literatur und Beraterinnen und Berater, die helfen können.

Auch aus einem anderen Grund ist die Organisation von Nachbarschaft letztlich kein unbekanntes Gebiet: Das Leben in einem Verbund, der größer ist als die Kernfamilie war während der gesamten Menschheitsgeschichte die Voraussetzung zum Überleben. Menschen haben ihr Zusammenleben in der Sippe, im Stamm, im Dorf oder in Zünften organisiert und sich Regeln auch für Konfliktfälle gegeben. Zu regeln war damals die gemeinsame wirtschaftliche Basis, die Zugehörigkeit, Nähe und Distanz, soziales Leben, gegenseitige Hilfe und Streit. So gesehen greifen Wohnprojekte eine uralte Lebensform auf.Nachbarschaftliches Leben ist abhängig von politischen Verhältnissen. Im National-sozialismus waren zuviel Einblick und Konflikte mit den Nachbarn gefährlich. Die Aufgabe des Blockwarts war Überwachen und Spionieren. Wohnprojekte haben in der Regel demokratische Ordnungen. Sie sind möglich in der Demokratie und ermöglichen gleichzeitig gelebte Demokratie, manchmal sogar mehr. Es gibt Wohnprojekte, in denen nicht die Mehrheit, sondern der Konsens im Konfliktfall gesucht wird.
 
Wohnwirtschaft und Kommunen:
Die Verwaltung von Wohnungen heißt auch immer: mit nachbarschaftlichem Streit konfrontiert sein und Regeln durchsetzen. Für die Wohnwirtschaft neu ist, dass sie es bei Projektgruppen mit Menschen zu tun hat, die ihr Zusammenleben selbst gestalten und sich eigene Regeln geben wollen. Dabei gibt es nicht die passende Lösung für alle Fälle. Wohnungsbauunternehmen handeln mit den Projektgruppen je eigene Vereinbarungen aus. Dabei
  • wahren sie das Eigeninteresse als Vermieterinnen und Vermieter, als Verwalterinnen und Verwalter, die darauf achten, dass die Wirtschaftlichkeit gewahrt ist und
  • lassen den Gruppen den Spielraum, der gewünscht und möglich ist.
Interessen können sich hier leicht decken, wenn ein Haus von der Wohnbaugesell-schaft für eine Projektgruppe im Mietmodell nach deren Wünschen renoviert wird und auf der anderen Seite eine stabile, selbstorganisierte Mieterschaft geringe Kosten bei Verwaltung und Erhaltung verspricht.

 
Praxistipp
 
Sprechen Sie mit anderen Interessierten über ihre guten und schlechten Lebenserfahrungen mit Nachbarschaft - in der Kindheit und Jugend, im Erwachsenenalter, in Deutschland und anderen Ländern. Oft findet sich ein zentrales Erlebnis, das den Wunsch nach Leben in einer selbstbestimmten Nachbarschaft fördert oder Hinweise auf wichtige Bedenken gibt.
Träumen Sie alleine und mit anderen, wie die zukünftige Nachbarschaft aussehen soll. Im Wünschen und Träumen finden Sie, worum es Ihnen wirklich geht. Lassen Sie sich Zeit für diesen Schritt. Erst ganz am Ende kommt das „Erwachen", die Prüfung, welche Träume Sie mit anderen gemeinsam haben und welche wie zu realisieren sind.
 
 
8.2 Konfliktmanagement in Wohnprojekten

8.2.1 Konflikte als wünschenswerte Normalität
Interessierte Laien:
Konflikte sind der Normalfall in Wohnprojekten. Sie erfüllen - wie auch in anderen Lebensbereichen - positive Funktionen:
  • Sie weisen auf Fragen und Probleme hin und verlangen nach Lösungen
  • Sie fördern Weiterentwicklungen, die notwendig sind, weil Lebensbedingungen und -umstände sich verändern.
  • Sie fördern die Kommunikation und den Austausch von Interessen
  • Sie schaffen Raum für Kreativität
  • Sie festigen Gruppen
  • Sie unterstützen die persönliche Weiterentwicklung und Selbsterkenntnis

 
Praxisbeispiele
 
Kindheit im Wohnprojekt ermöglicht andere Erfahrungen. Ein junges Mädchen, das in einem dänischen Projekt aufgewachsen ist, nennt zwei Aspekte:
  • Sie hat die Freizeit in einer großen Gruppe von Kindern unterschiedlichen Alters verbracht - vor allem für Einzelkinder eine wertvolle Erfahrung und
  • Sie hat von Anfang an erlebt, wie verschieden die Meinungen von Erwachsenen sind und dass sie - einfach oder mit Mühe - Kompromisse finden können.
 
Mitglieder von Initiativen, Multiplikatoren:
Am Wohnprojekt mitzuarbeiten setzt die Bereitschaft voraus, neben der eigenen Meinung auch andere als gleichberechtigt wahrzunehmen. Es wird Wünsche und Bedürfnisse geben, die so wichtig sind, dass sie (fast) nicht verhandlungsfähig sind. Diese werden dann zu Kernpunkten des Konzepts.Im Projekt sollten verschiedene „Begabungen" vorhanden sein: Mitglieder,
  • die rasch Konflikte erspüren und ansprechen
  • die Konflikte gerne ausfechten und
  • die vermitteln.
Diese Begabungen können auch Kriterien für die Aufnahme von neuen Mitgliedern sein.

 
Check
 
Machen Sie selbst mit der Gruppe eine Liste von Begabungen und Fähigkeiten, die Sie im Projekt brauchen. Sammeln Sie dann auf einem großen Blatt alle Kompetenzen, die in der Gruppe vorhanden sind. Motto ist hierbei: „Eigenlob duftet"
 
Multiplikatorinnen und Multiplikatoren oder Beraterinnen und Berater können vermitteln, was aus der Binnenperspektive des Wohnprojekts nicht leicht zu sehen ist. Auch wenn Einzelne wieder aus der Gruppe ausscheiden, haben beide Seiten wertvolle Erfahrungen gesammelt.
 
Gemeinschaftliches Wohnen ist jedoch nicht die Lösung für alle, denn es setzt voraus, dass die Gemeinschaft in allen Facetten für den Einzelnen einen Wert darstellt.
 
Wohnwirtschaft und Kommunen:
Wohnungswirtschaft und Kommunen: bieten häufig Anlass für heftige Konflikte, weil sie
  • Aushandlungspartner für zentrale Anliegen von Wohnprojekten sind und
  • in vielen Fragen den Rahmen setzen.
Sie müssen Geduld aufbringen in der Arbeit mit Projekten, weil projektinterne Klärungen länger dauern und sie sollen Vergabestrukturen schaffen, die den Projektgruppen diese Zeit auch einräumen.Wenn Wohnprojekte von „oben" angeregt werden, muss ein echtes Interesse an der Selbstorganisation der Gruppe bestehen, auch wenn sie zu Lösungen kommt, die zunächst nicht vorgesehen sind. In diesem Fall sind auch oft schon Vorentscheidungen getroffen, die andere Projekte erst erarbeiten müssen: z.B. Bauplatz, Förderstufen oder Rechtsform. Die Ebenen der Mitsprache müssen sorgfältig definiert sein. Gemeinschaftsorientiertes Wohnen kann nicht die Patentlösung für brennende gesellschaftliche Fragen sein, z.B. wie die vielen älteren Menschen und ihre finanzielle und pflegerische Versorgung zu leisten ist. Es kann jedoch sehr wohl ein Beitrag zur Lösung dieser Fragen sein. Voraussetzung ist immer, dass Projekte nicht gegen ihren Willen für soziale Zwecke eingesetzt werden.Wohnungswirtschaft und Kommunen sind in der Regel hierarchisch organisiert - Projekte eher demokratisch. Auch die Denkweisen sind verschieden. Hier müssen beide Partner sich auf den anderen einstellen.
 
 
 
 

 
Praxisbeispiele
 
Projektgruppen denken zunächst nicht in den Kategorien von Förderstufen oder -programmen. Sie gehen auf die Verwaltung und Wohnungsbauunternehmen mit der Darstellung ihrer sozialen oder ökologischen Anliegen zu und treffen auf Gesprächspartner, die in Begriffen der Wirtschaftlichkeit und des Rechts denken und handeln.
 
 
Praxistipp
 
Projektgruppen tun gut daran, Geld für eine Beraterin oder einen Berater zu investieren, der sie auf Gespräche mit der Wohnwirtschaft, den Kommunen, Juristen oder Architekten vorbereitet. Durch die gute Vorbereitung bis hin zu Rollenspielen werden die Gruppen sofort als professionell ernstzunehmendes Gegenüber wahrgenommen.
 
Für den ländlichen Raum:
Wohnprojekte werden auf dem Land zunächst fremd sein, auch wenn sie vielleicht von „Einheimischen" mit gegründet werden. Neugier von beiden Seiten, Offenheit der angestammten Bevölkerung auf der einen Seite, Kompromissbereitschaft auf der anderen Seite wird nötig sein. Es gibt große regionale Unterschiede in der Bereitschaft von „Einheimischen", andere Lebensformen in bestehende Gemeinschaften zu integrieren.
Immer öfter werden Projektgruppen von Grundstücks- und Immobilienbesitzern vor allem auf dem Land gesucht. Hier ist es wichtig, die Interessen aufeinander abzustimmen: einerseits die Verwertung des Grundstücks/der Immobilie und andererseits die sich bildenden Interessen der Projektgruppe.
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