8.2.2 Konflikte lösen
Konflikte aus eigener Kraft lösen
Interessierte Laien: Ob im Gemeinschaftlichen Wohnen oder in anderen Lebensbereichen: es gibt Wissen, Tipps und Kniffe, die den Umgang mit Konflikten sehr erleichtern.
Wie entwickeln sich Konflikte? Ein Konflikt beginnt immer in einer Person mit der Wahrnehmung einer Divergenz zu eigenen Bedürfnissen, Interessen, Zielen oder Werten. Friedrich Glasl unterscheidet danach 3 Phasen und 9 Stufen der Konflikteskalation:
I. Stufe: scheinbar gewaltfreie Auseinandersetzung
- Verhärtung: Standpunkte verhärten sich und prallen aufeinander. Trotzdem besteht noch die Überzeugung, dass die Spannungen durch Gespräche lösbar sind. Noch keine starren Parteien oder Lager.
- Debatte und Polemik: Polarisation findet im Denken, Fühlen und Wollen statt. Es entsteht ein Schwarz-Weiß-Denken und eine Sichtweise von Über- und Unterlegenheit.
- Taten statt Worte: Die Überzeugung, dass "Reden nichts mehr hilft", gewinnt an Bedeutung und man verfolgt eine Strategie der vollendeten Tatsachen. Die Empathie mit dem "anderen" geht verloren, die Gefahr von Fehlinterpretationen wächst.
- I. Stufe:1 - 3: Lösungen noch möglich, weil noch kein irreversibler Schaden entstanden ist.
II. Stufe: Sieg oder Niederlage
- Image und Koalitionen: Die "Gerüchte-Küche" kocht, Stereotypen und Klischees werden aufgebaut. Die Parteien manövrieren sich gegenseitig in negative Rollen und bekämpfen sich. Es findet eine Werbung um Anhänger statt.
- Gesichtsverlust: Es kommt zu öffentlichen und direkten (verbotenen) Angriffen, die auf den Gesichtsverlust des Gegners abzielen.
- Drohstrategien: Drohungen und Gegendrohungen nehmen zu. Durch das Aufstellen von Ultimaten wird die Konflikteskalation beschleunigt.
Ab Stufe 1 fast keine Wendung mehr möglich, weil es mehr um Selbstbilder und um Selbstwertgefühl geht.
III. Stufe: offene Gewalt
- Begrenzte Vernichtungsschläge: Der Gegner wird nicht mehr als Mensch gesehen. Begrenzte Vernichtungsschläge werden als "passende" Antwort durchgeführt. Umkehrung der Werte: ein relativ kleiner eigener Schaden wird bereits als Gewinn bewertet.
- Zersplitterung des Feindes: Die Zerstörung und Auflösung des feindlichen Systems wird als Ziel intensiv verfolgt.
- Gemeinsam in den Abgrund: Es kommt zur totalen Konfrontation ohne einen Weg zurück. Die Vernichtung des Gegners zum Preis der Selbstvernichtung wird in Kauf genommen. Durch das Aufstellen von Ultimaten wird die Konflikteskalation beschleunigt.
Was soll diese Szenerie im Kontext des Gemeinschaftlichen Wohnens? Zunächst ist sie dem Lebensbereich „Wohnen" nicht ganz fremd, wenn man die Abläufe in einzelnen Wohnungseigentümergemeinschaften oder Nachbarschaftsstreit betrachtet, der vor Gericht ausgetragen wird. Das Eigentum oder die Mieterrechte werden nicht selten bis hin zur Selbstschädigung z.B. durch Gerichtskosten verteidigt.
Im Gemeinschaftsorientierten Wohnen gibt es im Gegensatz zum normalen Wohnungsbau Übereinkünfte, die selbst getroffen werden und die greifen lange bevor Konflikte zu Rechtsfragen werden.
| Praxistipp
|
| Bemerkenswert an der Aufstellung von Glasl ist, wie schnell die Chancen -auch für professionelle Berater - schwinden, Konflikte noch bereinigen zu können. Für Wohnprojekte heißt das: Konflikte ernst nehmen und früh ansprechen. Hier können Dritte eine große Hilfe sein, wenn sie vermitteln, sondieren, im guten Sinne beschwichtigen und darauf dringen, dass eher zu früh als zu spät professionelle Hilfe gesucht wird.
|
Die Bedeutung klarer Strukturen Mitglieder von Initiativen, Multiplikatoren:
Für Wohnprojekte, die von ihren Mitgliedern von der Pike auf gestaltet werden, heißt das: in allen Rechtskonstruktionen - auch wenn es sich um Eigentumsprojekte oder eigentumsorientierte Genossenschaften handelt - muss in den Köpfen und Entscheidungsstrukturen die Bedeutung der Gemeinschaft verankert sein.
| Praxisbeispiele
|
| Beispiel: Einige junge Familien leisten sich in traumhafter Innenstadtlage ein Haus, in dem die Wohnungen Eigentum sind, Abmachungen über gemeinsam genutzten Speicher, Treppen und Keller werden mündlich vereinbart, weil die Familien befreundet sind. Nach einigen Jahren verändert sich die Zusammen-setzung der Projektmitglieder durch Tod und Scheidung. Die restlichen Eigentümer und Eigentümerinnen kommen zu keiner Übereinkunft, weil das gute Einvernehmen nicht mehr da ist und klare Strukturen nicht rechtzeitig geschaffen wurden.
|
Auch für Genossenschaften und Mietprojekte gilt: klare Strukturen, z.B. in Fragen der Belegung, ersparen viele Konflikte, weil „Vetterleswirtschaft" sich nicht einnisten kann. Der Verein oder die Genossenschaft hat eigene Interessen, die nicht verloren gehen dürfen. In Genossenschaften mit langjähriger Bewohnerschaft müssen Entscheidungsstrukturen die Sichtweise „Ich wohne (fast wie) in einer eigenen Wohnung, ja sogar noch billiger" erschweren.
Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, Beraterinnen und Berater sollten Wissen über Konflikte und über funktionierende Entscheidungsstrukturen vermitteln. Damit helfen sie, Wohnprojekte auch lange Zeit und mit wechselnden Bewohnern als Idee und Realität lebendig zu halten.
| Praxistipp
|
| Die Projektgruppe zimmert ihr Konzept auf der Basis der gegenwärtigen Situation. Alle stellen sich vor, dass sie 20 Jahre älter geworden sind. Passt das Konzept dann noch oder muss es verändert werden? Konzepte sind deshalb nicht untauglich, weil sie für eine Generation oder einen Lebensabschnitt geschaffen werden, nicht für länger.
|
Wohnwirtschaft und Kommunen: Wohnbaugesellschaften, die für einen Wohnprojekt-Verein bauen, sollten sich vergewissern, dass die Entscheidungsstrukturen im Projekt nachhaltig sind. Im schlimmsten Fall des Scheiterns wird ein Projekt ein normales Miets- bzw. Genossenschaftshaus oder Wohnungseigentum, in dem gesetzlich vorgegebene Regelungen greifen.
Worum geht es bei Konflikten? Interessierte Laien: In Wohnprojekten, wie auch in anderen Lebensbereichen gibt es verschiedene Arten von Konflikten - mit Beispielen aus Wohnprojekten:
- Bewertungskonflikte: Welchen Wert hat das Zusammenleben der verschiedenen Generationen für mich?
- Strukturkonflikte: Es ist unklar, wer entscheiden darf, wann die Gemeinschaftsräume auch privat z.B. für einen Geburtstag genutzt werden können.
- Zielkonflikte: Wollen wir lieber an den Stadtrand oder doch mehr in der Stadt wohnen?
- Beurteilungskonflikte: Die letzte Veranstaltung zur Werbung neuer Mitglieder war schlecht besucht - lag es an dem Ort oder eher an der Öffentlichkeitsarbeit?
- Rollenkonflikte: Äußert sich die Vorsitzende der Genossenschaft als Nachbarin oder als Vorsitzende kritisch über die Unordnung auf dem Hausflur?
- Verteilungskonflikte: sollen wir das Geld lieber für den Garten oder die neue Spülmaschine im Gemeinschaftsraum verwenden?
- Beziehungskonflikte: Mein Nachbar ist nett, aber wenn er mich auf die Unordnung im Flur anspricht, dann fühle ich mich immer wie ein kleiner Bub.
Es ist wichtig herauszufinden, worum es in Konflikten geht. Die Konflikte, in denen es um Bewertungen geht, sind am schwierigsten zu lösen, denn Werte sind in der Regel sehr persönlich und nicht verhandelbar.
| Check
|
| Nehmen Sie die verschiedenen Arten von Konflikten als Checkliste für einen beliebigen Konflikt. Es kann auch ein abgeschlossener Konflikt sein. Checken Sie, am besten zusammen mit anderen Konfliktbeteiligten, worum es ging oder geht. Oft ist der Konflikt schon bereinigt, wenn über das „Worum geht es?" Einigkeit erzielt werden kann.
|
Mitglieder von Initiativen, Multiplikatoren: Konfliktthemen wandeln sich im Lebenslauf eines Projektes:
- Ideen- und Konzeptphase
- In Konflikten während der Ideen- und Konzeptphase geht es um Grundfragen auf der Sachebene und um Zugehörigkeit auf der Beziehungsebene. Manche Projektgruppen, die dringend Mitglieder suchen, tun sich schwer in dieser Phase bei den Kernideen zu bleiben. Doch zahlt es sich nicht aus, zwar Mitglieder zu haben, jedoch in Kernfragen auch verschiedene Meinungen. Diese Gruppen kommen nicht weiter, weil sie immer wieder z.B. ihre Mitgliederstruktur diskutieren.
- In der Konzeptphase sind Konflikte konstituierend, d.h. entlang der Debatten wird sich ein tragfähiges Konzept herausbilden. Hier sind auch die vorhandenen Bedingungen, z.B. finanzielle Verhältnisse und Einflüsse von außen, z.B. Grundstückspreise als Gegebenheiten, zentral von Bedeutung.
- Während der Planungs- und Bauphase sind es oft die Auseinandersetzungen mit den externen Vertragspartnern (Bauunternehmen, Architektinnen und Architekten etc.) die die Gruppe zusammenschweißen.
In Projekten, in denen schon gewohnt wird, sind die Konflikte oft ähnlich denen, die man schon aus Familien und Studentenwohngemeinschaften kennt:
Aufgabenverteilung: z.B. wer putzt? Rücksichtnahme, Kinderlärm und Sauberkeit.
Beraterinnen und Berater können Wohnprojektgruppen transparent machen, welche Themen in welcher Phase bearbeitet werden müssen.
| Praxistipp
|
| Die Projektgruppe bestimmt, welche Entscheidung in welchem Gremium getroffen wird. Das ist charakteristisch für das Projekt. Es können Modelle von anderen Gruppen übernommen werden, doch welche und wofür - das herauszufinden ist eine wichtige Aufgabe.
|