3.5. Vor- und Nachteile der verschiedenen Wohnformen im Alter
Aus Sicht der Älteren Im Alter „zu Hause" wohnen bleiben, ohne dass an der eigenen Wohnung und dem Wohnumfeld etwas verändert wird, hat den Nachteil, dass man mit zunehmendem Alter und eingeschränkter Mobilität nochmals (oft unfreiwillig) umziehen muss. Wenn Häuser bzw. Wohnungen und das Wohnumfeld nicht altengerecht gestaltet sind, und zudem die Alltagsversorgung im Nahbereich nicht ausreicht, ist ein eigenständiges Wohnen zu Hause bis ins hohe Alter kaum möglich. Die neuen Quartiersansätze hingegen, die darauf abzielen, Nachbarschaften für Jung und Alt zu fördern (Modellvorhaben "Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere",
www.stadtquartiere.de) bieten die Chance, bis zum Tode in dem Quartier wohnen zu können. Die Quartiere sind so organisiert, dass neben professionellen Dienstleistungen informelle Hilfen organisiert werden können (zur Prüfung der persönlichen Wohnsituation im Hinblick auf zunehmende Hilfsbedürftigkeit s. Checkliste in Kapitel 3.6).
Vergleicht man bei den professionell gemanagten Wohneinrichtungen für Ältere Wohnstifte/Seniorenresidenzen mit der Konzeption Betreutes Wohnen/Service-Wohnen, so besteht ein Vorteil beim Betreuten Wohnen/Service-Wohnen darin, dass flankierende Dienstleistungen (Hilfe bei der Wohnungsreinigung, Versorgung mit Essen, Vermittlung ambulanter Pflegeleistungen u.Ä.) nur entsprechend der tatsächlichen Inanspruchnahme bezahlt werden müssen. In der Regel ist eine Grundpauschale für das Vorhalten der Dienstleistungen fällig. Ansonsten können die Bewohner und Bewohnerinnen die erforderlichen Dienstleistungen aus einem professionell unterbreiteten Zusatzangebot abrufen.
Viele realisierte Einrichtungen, die sich Betreutes Wohnen bzw. Service-Wohnen nennen, haben etliche Nachteile, weil es sich um „Mogelpakete" handelt. In der Vergangenheit haben viele Anbieter vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung einen Wachstumsmarkt für Seniorenimmobilien gesehen. Sie haben Häuser entwickelt, bei denen die Konzeptionen im Hinblick auf die Sicherheit für den Fall der Pflegebedürftigkeit wenig durchdacht sind. So entstanden viele Wohnprojekte mit Wohnungen, die selbst normale Wohnqualitäten nicht erfüllen. Dazu wurden Anbieter gesucht, die z.B. Dienstleistungen für den Fall der Pflegebedürftigkeit organisieren. Um die Kosten zu Beginn gering zu halten wird über Büros, die wenige Stunden die Woche besetzt sind, ein externer Pflegedienst organisiert. Für die Bewohner und Bewohnerinnen ist damit die Sicherheit nicht wesentlich höher, als wenn er bzw. sie in seiner/ihrer „normalen" Wohnung im Pflegebedarfsfall einen ambulanten Dienst engagiert, - allerdings sind die Kosten deutlich höher.
In den letzten Jahren wurden aufgrund der Erfahrungen mit den nicht nachfragegerecht konzipierten Wohneinrichtungen neue Projekte entwickelt, bei denen der Aspekt der Sicherheit in der Konzeption auch für den Fall der Pflegebedürftigkeit ausreichend berücksichtigt wird (zur Prüfung der Qualität der Konzeption Betreutes Wohnen/Service-Wohnen vgl. Kapitel 3.7). Erfolgreich sind vor allem solche Angebote, bei denen eine Tag-und-Nacht-Präsenz gegeben ist. Dies gilt insbesondere, wenn mithilfe von Personalsynergieeffekten trotz Tag-und-Nacht-Präsenz geringe bzw. keine Grundpauschalen entstehen (vgl. Quartiersbeispiele im Kapitel Best Practice).
In Wohnstiften/Seniorenresidenzen können ältere Menschen zwar ein selbstständiges Leben führen, müssen sich aber immer auch pauschal mehr oder weniger intensiv „betreuen" lassen. Es gibt ein verbindliches Dienstleistungspaket, das man mit dem Wohnen obligatorisch einkaufen muss. Dies führt zu entsprechend hohen Preisen (so genannter Pensionspreis, vgl. Kapitel 3.4.2).
Die eher gemeinschaftlich orientierten Wohnangebote zielen auf eine weitgehend selbstbestimmte Lebensführung ab. In Wohngemeinschaften (i.d.R. für Demenzerkrankte) wird eine eigenständige Lebensführung durch professionelle Betreuungs- und Pflegepersonen gezielt gefördert. Die Bewohnerinnen und Bewohner erhalten üblicherweise ambulante Dienstleistungen. Bei Haus- und Nachbarschaftsgemeinschaften bestimmen die Bewohnerinnen und Bewohner weitestgehend selbst die Wohnform, die Bewirtschaftung und die Betreuungsleistungen.
Aus Sicht der Kommunen Für Kommunen ist die Entwicklung von Bestandsquartieren als generationenübergreifende Nachbarschaften für Jung und Alt und die Förderung gemeinschaftlicher Wohnprojekte von Interesse. Ohne solche innovativen Lösungen kommen auf die Kommune viele negative Auswirkungen der demographischen Entwicklung zu (z.B. Überalterung von Stadtquartieren, finanzielle Belastungen im Fall der zunehmenden Pflege).
In einigen Kommunen gibt es aufgrund falscher Projektentwicklung im Bereich Betreutes Wohnen/Service-Wohnen Leerstände. Weil die Projektentwicklung der neuen Wohnform Betreutes Wohnen/Service-Wohnen mehrere Jahre gedauert hat, ist die Marktfähigkeit defizitärer Konzeptionen erst mit der Realisierung dieser Projekte sichtbar geworden. Das betrifft neben nicht nachfragegerechten Konzeptionen auch zu hohe Mieten bei den Wohnangeboten, bei denen nur externe Dienstleistungen über Büros organisiert werden (zum Teil wurden in der Kalkulation Nettokaltmieten von 20 bis 30 € eingeplant). Einige dieser Projekte sind infolgedessen in Konkurs gegangen, und es gibt in manchen Kommunen erhebliche Leerstände. Weil sich solche Entwicklungen oft negativ auf das Umfeld auswirken, haben Kommunen ein großes Interesse daran, Fehlinvestitionen der privaten Investoren zu vermeiden. Eine Unterstützung richtiger Konzeptionen hat zudem den Vorteil, dass die Kommune im Sinne der sozialen Daseinsvorsorge verantwortlich für ihre älteren Bewohner handelt.
Aus Sicht der Wohnungswirtschaft Für private Investoren ist es von Interesse, sich auf Wohnangebote für Ältere zu konzentrieren (nur Zunahme der Zahl der älteren Haushalte). Vorrangig kommt die Konzeption Betreutes Wohnen/Service-Wohnen in Betracht. Um erfolgreich zu sein, müssen hier die Fehler der Vergangenheit vermieden werden. Dabei sind auch die Präferenzen der Umzügler zu beachten (Repräsentativbefragung bei den Generationen 50+: „Die Generationen über 50 - Wohnsituation, Potenziale und Perspektiven" empirica-Studie im Auftrag der Bundesgeschäftsstelle Landesbausparkassen im Deutschen Sparkassen- und Giroverband, 2006. Download:
www.lbs.de/publikationen). Da die Älteren ein selbstständiges Wohnen im Alter bei gleichzeitiger Nähe zur Familie bzw. zu Freunden und Bekannten präferieren, ist bei größeren Neubauprojekten darauf zu achten, dass von der Angebotsseite Wohnraum für Jung und Alt in Nachbarschaften realisiert wird.
Wohnungsgesellschaften und -genossenschaften sind langfristig erfolgreich, wenn sie nicht nur punktuell Bestände für Ältere umstrukturieren, sondern in Wohngebieten, die potentiell altenfreundlich sind (relativ hoher Anteil der Generationen 50+ und gute Erreichbarkeit entsprechender Infrastruktur), eine durchgreifende Umstrukturierung durchführen. Es ist von Interesse, dass die Nachbarschaften so organisiert sind, dass auch der Austausch von Dienstleistungen zwischen Jungen und Alten mobilisiert wird.